Pferdeklinik Tillysburg
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Sand im Getriebe....

So oder ähnlich sollte man sich das Szenario vorstellen wenn ein Chip im Gelenk zwischen die Gleitflächen der Gelenkknorpel gerät. Doch eins nach dem anderen.

Chips, das sind teilweise von Knorpel überzogene kleine Knochenteilchen im Gelenk. Sie gehören neben anderen krankhaften Befunden, wie z.B. Knochenzysten im gelenknahen Knochengewebe, zum Erkrankungskomplex der sog. OCD (im Fachausdruck: Osteochondrosis dissecans). Die OCD ist eine Gelenkserkrankung des wachsenden Pferdes im Zuge der Skelettentwicklung und betrifft ca. 20-30 % der Pferde mit doch sehr deutlichen Rasseunterschieden.

Während beim Isländer diese Erkrankung so gut wie gar nicht auftritt, sind Traber und Warmblüter vermehrt betroffen. Auch wenn die Befunde erst beim ausgewachsenen Pferd entdeckt werden bzw. zu erkennbaren Schäden führen, entstehen sie bereits im Alter zwischen 1,5 und 2 Jahren und können meist auch in diesem Alter schon röntgenologisch dargestellt werden. Die OCD ist zu einem sehr hohen Prozentsatz genetisch bedingt, wobei auch andere Einflussfaktoren wie Fütterung und Aufzucht diskutiert werden. Betroffen sind je nach Pferderasse vor allem Sprunggelenk, Fesselgelenk, Kniegelenk und Hufgelenk. Eine plötzlich vermehrte Füllung eines der genannten Gelenke („Galle“) sollte jedenfalls durch eine Röntgenuntersuchung abgeklärt werden.


Auch ohne erkennbare Lahmheit  kann ein Chip im Gelenk Ursache einer solchen Schwellung sein. Gelenkskörper werden aber auch zufällig im Rahmen von Ankaufsuntersuchungen entdeckt, ohne dass es bis zu diesem Zeitpunkt einen Hinweis ihrer Existenz gegeben hätte. Mangelnde Leistungsbereitschaft oder wiederkehrende leichte Lahmheiten können u. a. durch Gelenkserkrankungen hervorgerufen werden. Diese, möglicherweise durch Chips verursachten Probleme, treten häufig erst dann auf, wenn die Pferde intensiver genutzt werden, sei es nun im Renn-, Reit-, oder Fahrsport. Der Gelenkskörper verursacht einen ständigen Reiz im Gelenk. Gelenksentzündung und Knorpelschäden sind die Folge. Darüber hinaus besteht immer die Gefahr, dass es unter Belastung plötzlich zum Einklemmen des Chips zwischen die Gelenksflächen kommt.  Es treten plötzlich hochgradige Lahmheiten auf.

Durch das Einklemmen entstehen erhebliche Knorpelschäden, deren Regeneration Monate dauern kann. Die Konsequenz dieser Erfahrungen ist es, Pferde ab einem Alter von 2 Jahren auf evtl. vorhandene Chips untersuchen, d.h. röntgen zu lassen. Das ist für zahlreiche Züchter und Pferdebesitzer mittlerweile Standard und in vielerlei Hinsicht sinnvoll. Man erhält wertvolle Informationen über den Gesundheitszustand eines Pferdes, was man leistungsmäßig zu erwarten hat, ob es möglicherweise beim Verkauf Probleme geben kann und ob die Auswahl der Zuchtlinien auch aus medizinischer Sicht sinnvoll ist.  Bevor man Zeit und Geld in die Ausbildung investiert, sollte man die Pferde frühzeitig untersuchen und gegebenenfalls operieren lassen, um spätere Schäden zu  verhindern. Das ist natürlich der rein medizinische Standpunkt. Dem gegenüber steht immer auch der wirtschaftliche Aspekt, das heißt ist das Pferd die Investition einer doch relativ teuren Operation überhaupt wert?

 

    

Nach über 10 Jahren chirurgischer Tätigkeit kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass es medizinisch jedenfalls sinnvoll ist, die Pferde frühzeitig zu operieren und die Gelenkskörper zu entfernen. In einem gesunden 100 % leistungsfähigen Gelenk hat ein Chip nichts zu suchen. Es ist immer wieder erstaunlich welche doch deutlichen Knorpelschäden selbst schon bei jungen Pferden während der Operation sichtbar werden, obwohl das Pferd weder Schwellung noch Lahmheit zeigt. Auch wenn zahlreiche Pferde lange Zeit scheinbar keine offensichtlichen Probleme mit vorhandenen Gelenkskörpern haben und brav Ihren Job machen, wären sie ohne Chip wahrscheinlich noch viel freudiger bei der Arbeit.

Die Operationstechnik der Arthroskopie (Schlüssellochtechnik) hat sich weltweit in der Pferdemedizin etabliert und gehört auch in unserer Klinik zum Standardrepertoire. Sie erfolgt üblicherweise in Vollnarkose. Über zwei kleine Öffnungen von jeweils ca. 1 cm werden Optik und entsprechende Instrumente ins Gelenk eingeführt, die Chips entfernt, der Knorpel geglättet und das Gelenk gespült. Die Wunden werden vernäht und der Fuß bleibt 10 Tage unter Verband. Je nach Schweregrad der Gelenkserkrankung bleibt das Pferd für ca. 3 Wochen in der Box.

Danach erfolgt ein kontrolliertes Schrittprogramm von ca. 5 Wochen bevor mit dem Aufbautraining begonnen werden kann. Natürlich gibt es ein geringes, aber doch vorhandenes  Risiko, sowohl bei der Narkose als auch bei der Operation selbst. Eine hundertprozentige Sicherheit wird es in der in der Tiermedizin, wie übrigens auch in der Humanmedizin, leider nie geben. Die Kosten für eine Arthroskopie betragen je nach Art und Anzahl der zu operierenden Gelenke zwischen 1200,- und 2000,- Euro.

Dr Christian Franz

© Pferdeklinik Tillysburg 2008